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14. November 2014
Andreas Ryll Das Segelabenteuer “RomaOceanWorld” hat begonnen.
Einhand um die Welt auf der gleichen Route der Vendée Globe, aber an Bord einer ECO40 mit zwei Hühnern und einem
Gemüsegarten.
Matteo Miceli, der bekannte italienische Segler, startete am 19. Oktober 2014 von Riva di Traiano,
in der Nähe von Civitavecchia (Italien), seine 28.000 Seemeilen lange Reise, Einhand, ohne
Stoppovers und ohne technische Assistenz.
Und am 14.11.2014, um 20 Uhr 35 überquerte er, nach 27 Tagen Einhandsegeln, den Äquator !
Von Bord kam diese Nachricht: “Ich habe geduscht und mit einem Glas Sekt auf Neptun
angestossen, mit dem Wunsch, mich so schnell wie möglich, wieder an diese Stelle zu bringen!
Ein Prosit auf das Team an Land, das Boot, die Ozeane und alle, die mich mit Leidenschaft und
Begeisterung verfolgen. Ich bin glücklich, dieses Ziel dank Euch Allen zu erreichen! Ich hoffe, bald
wieder an diesem Punkt zurück zu kommen!”
Vor knapp einem Monat begann der “Öko-Einhandsegler” Matteo Miceli sein Offshore-Abenteuer
mit dem Ziel, einen neuen Rekord aufzustellen: als Erster, allein auf einem innovativen Segelboot
und völlig autark auf der Ebene der Energie-, Wasser- und Nahrungversorgung, drei Ozeane zu
überqueren und den antarktischen Kontinent zu umrunden.
Matteo Miceli
Fotos: Andreas Ryll
Das Ökoboot "RomaOceanWorld"
Eine beispiellose Herausforderung, betrachtet man die unbestrittene Herrschaft der Natur in diesen Breitengraden, wo die
Wetterbedingungen für den Menschen extrem sind. Und wenn man davon ausgeht, dass kein
Tropfen fossiler Brennstoff an Bord ist, dann ist der Schwierigkeitsgrad dieser Aufgabe umso
erheblicher. Aus diesem Grund wurde die ECO40 als industrieller Prototyp für neuverwendete
Materialien und Technologien konzipiert, aber bald stellte sich auch heraus, dass die Reise,
auch ethischen und wissenschaftlichen Zwecken dient, da dieses Segelboot nur saubere Energie
verwendet, und das ist ein echter Fortschritt in der Geschichte der Nachhaltigkeit im Umwelt- und
Klimaschutz.
An Bord sind 18 Solarzellen installiert, die die notwendige Energieversorgung garantieren sollen.
Die Solarzellen produzieren eine Nominalleistung von 1,6 Kilowatt in optimalen Bedingungen
(beispielsweise während der Phase in tropischen Gewässern), während grundsätzlich, eine
mittlere Energieerzeugung von etwa 300 Watt erzielt wird, ausreichend um den Mindestbedarf zu
kompensieren. Wenn man bedenkt, dass die ECO40 zirka 25 Quadratmeter groß ist und dass für
den Stromverbrauch einer durchschnittlich großen Wohnung eine maximale Leistung von 3
Kilowatt erforderlich ist, kann man das, vorab schon als ein zufriedenstellendes Ergebnis
bewerten.
Aber die eigentliche Neuheit der Photovoltaikanlage an Bord der ECO40 sind die Solarzellen
selbst, die zwischen zwei Platten aus transparentem Kunststoffmaterial eingekapselt sind, und
daher zwei Vorteile bieten, einerseits ermöglicht die Flexibilität des Materials, die Begehbarkeit der
gesamten Plattenoberfläche und anderseits, nimmt die Anordnung der Platten, keinen zusätzlichen
Platz an Bord ein. Der technische Sponsor dieses Projektes ist das Unternehmen Solbian, das sich
auf die Zusammenarbeit mit dem mehrfach ausgezeichneten Segler Giovanni Soldini, der für seine
Einhand-Regatten berühmt wurde, und dem Wissenschaftler des italienischen
Fortschungszentrums CNR, Marco Bianucci, berufen kann. Aber nicht nur das Sonnenlicht wird
während der fünfmonatigen Reise die Energieversorgung garantieren. Da die
wechselnden Wetterbedingungen nicht ständig eine ausreichende solare Energiespeicherung
begünstigen können, wird das Boot auch mit einem Paar Windenergie-Generatoren, die den
größten Teil ihrer Energie, während des Segelns windwärts erzeugen, versorgt. Noch mehr
Energie wird durch die Meeresströmungskraft, gemeinsam mit der Bootsgeschwindigkeit, über
zwei mobile Wasserkraft-Generatoren an Bord der ECO40, erzeugt. Die Wasserkraftströmung ist
besonders stark im Gebiet der Antarktis.
Ein Gemüsegarten und zwei Hühner an Bord
Sein persönlicher Ernäherungsplan besteht aus Eiern, die von den beiden Hennen an Bord gelegt
werden, sowie Salat, Sojakeimen und Kräutern aus dem Gemüsegarten an Bord und dem Fischfang.
Der Gemüsegarten ist ein kleines Gewächshaus in zwei Kippbehältern. Der Kompost wird mit
Lebensmittelabfällen und organischen Abfällen hergestellt. Das gesamte Pilotprojekt wurde in
Zusammenarbeit mit den Universitäten von Bologna und Neapel organisiert. Die zwei Hennen sind
in einer separaten und sicheren Umgebung unter Deck untergebracht. Die Trinkwasserversorgung
wird durch eine manuelle Entsalzungsanlage, die das Meereswasser in Trinkwasser umwandelt,
garantiert und kann für alle Funktionen, einschließlich der Wasserversorgung von Huhn oder
Gemüsegarten verwendet werden.
Ich sprach mit Matteo Miceli, kurz vor seiner Abreise, an Bord seiner ECO40.
AR: “Matteo, was reizt Sie an diesem Segelabenteuer?”
MM: “Ich mag die Herausforderung, aber ich bin nicht verrückt und ich werde auch nicht mein
Leben riskieren. Ich starte nicht mit der Absicht, langsam zu segeln, denn ich möchte schon einen
neuen Rekord aufstellen. Aber ich weiß auch, was mich erwarten wird. Aber das Boot ist darauf
gut vorbereitet. Ich habe es selbst gebaut und kenne es gut.”
AR: “Wie wird die Vorsorgung an Bord garantiert und welche Besonderheiten hat die ECO40?
MM: “Ich werde keinen Tropfen Diesel mit an Bord nehmen. Alles ist elektrisch...der
Warmwasseraufbereiter, die Mikrowelle, der Autopilot und auch die Entsalzungsanlage, die mir
zirka 80 Liter Trinkwasseraufbereitung pro Stunde ermöglicht. Der erzeugte Strom dank der
Solarzellen ist für die Tagesversorgung ausreichend. Der Rumpf des Bootes ist vollständig
abgedichtet und im Bootsinneren habe ich auf Extras verzichtet. Ich bevorzuge die Funktionalität
vor der Ästhetik.”
AR: “Ein großes Risiko bei einer solch langen Ozeanfahrt sind die Spannungen, denen der Rumpf
durch den starken Wellengang, jeden Tag und jede Nacht, ausgesetzt ist. Wie werden Sie damit
umgehen?”
MM: “Im Fall der Delamination, also sprich des Ablösens von Schichten in Werkstoffverbunden,
erkenne ich die Schäden sofort, weil alles an Bord einsehbar ist und ich habe alles Notwendige
an Bord, sodass ich im Notfall, sofort eingreifen kann.”
AR: “Im Vorfeld hat man viel über ihren Ernäherungsplan für diesen fünfmonatigen Einhandsegel-
Törn diskutiert. Wie sehen Sie das?
MM: ”Wie die autarke Energieversorgung ist auch die Ernäherung Teil des Projektes. Ich
werde aber auch gefiergetrocknete Verpfegung an Bord nehmen, falls ich in eine Notfallsituation
geraten sollte. Aber ich werde alles vakuum versiegeln und hoffe auch alles wieder so zurück
zubringen. Meine Ernährung wird arm an Kohlenhydraten sein und die
Ernäherungswissenschaftler, die mich kontrollieren, möchten, dass ich mich zumindest auch mit
Trockenfrüchten und Zwieback ernähre. Aber meine Grundernährung wird aus dem Fischfang, das,
was der Gemüsegarten produziert und ein, zwei Eiern am Tag bestehen.”
AR: “Ein Wort zu ihren beiden Crewmitgliedern an Bord..die beiden Hennen...”
MM: Die beiden Hennen sollten beide ein Ei am Tag legen. Sie leiden nicht an Seekrankheit. Das
haben wir schon mehrmals auf See ausprobiert. Und das Futter für die beiden nehme ich
selbstverständlich mit an Bord.”
AR: “Eine Einhandsegel-Regatta ist nicht zu vergleichen mit einem Rennen mit mehrköpfiger
Besatzung an Bord. Wie werden Sie ihren Schlaf- und Ruhemodus regulieren?
MM: “Ich habe gemeinsam mit Dr. Claudio Stampi, Gründer des Chronobiology Research Institute,
ein Programm erarbeitet. Tendenziell werde ich alle drei bis vier Stunden, einen Kurzschlaf von
zwanzig Minuten halten und innerhalb der 24 Stunden, einen weiteren Schlaf von 90 Minuten. Es
ist alles eine Frage der Vorbereitung und bisher hatte ich keine größeren Probleme. Ich kenne
diese Umstände aus anderen Regatten, die ich in der Vergangenheit gesegelt bin, wie eine
Transat auf einem nicht bewohnbaren Katamaran.
AR: “Die Route ist die der Vendée Globe. Wie sind Ihre Planungen?”
MM: “Nachdem ich das Mittelmeer verlassen habe, geht es direkt in Richtung Kap der Guten
Hoffnung. Ich kalkuliere durchschnittliche acht Knoten Bootsgeschwindigkeit. Deshalb denke ich,
dass ein Zeitlimit von fünf Monaten denkbar ist. Ich werde auf die unterschiedlichsten
Wetterbedingungen treffen, aber das Boot ist auf alles gut vorbereitet. Und ich habe an Bord alles
was ich brauche. Es gibt nichts Besonderes, was mir Angst macht, aber viel Respekt ist geboten.
Was ich weiß ist, dass mein Boot es mag, auf hoher See zu sein.”
AR: “Vielen Dank für das Gespräch. Viel Erfolg und Alles Gute. Wir sehen uns bei Ihrer Rückkehr
wieder.”
MM: “Danke! In fünf Monaten sehen wir uns wieder hier an gleicher Stelle.”
Was könnte im Notfall geschehen, wenn zum Beispiel, das Segelboot mit einem Felsen oder
einem Eisberg kollidieren sollte? In diesem Fall haben Paolo De Girolamo, Professor für Maritime
Technologien an der Universität Rom "La Sapienza", der zusammen mit Matteo Miceli, die ECO40
konzipiert und gebaut hat, vorgesorgt. Das Boot ist mit einem kleinen Elektromotor ausgestattet,
der es ermöglicht mit Genauigkeit für etwa 10 bis 15 Seemeilen zu manövrieren. Und schließlich
besteht ein entscheidender Vorteil darin, dass zum ersten Mal, ein Segelboot mit drei GPS
ausgestattet wurde.
Dieses Bordequipment wurde von Leica Geosystems zur Verfügung gestellt,
die weltweit führend in der GPS-Messung sind, und das in der Lage ist, alles, was im Umfeld des
Bootes geschieht, aufzuzeichnen. Dazu zählen die wichtigsten Wetterdaten, die Luft- und
Wassertemperaturen, die Geschwindigkeit der Meeresströmung, das Belastungsverhalten von den
verwendeten Werkverbundstoffen und sogar die Höhen der Wellen in der Antarktis, die bisher noch nie
gemessen worden sind. Alle Daten werden dank einer speziell konzipierten Software, die sich wie
eine Black Box verhält, gesammelt. Diese sehr wichtigen Daten werden nach der Rückkehr von
Matteo Miceli für wissenschaftliche Zwecke ausgewertet.
Es handelt sich hier nicht nur um ein Segelrennen, auf der Jagd nach dem Versuch einen Rekord im
Einhandsegeln zu brechen, sondern die Absicht des Projekts ist es die wissenschaftliche
Forschungsarbeit einer Gruppe von italienischen Professoren und weiteren Experten, wie
Professor Mattia De Crespi von der Universität "La Sapienza" in Rom, Professor Alexander Pezzoli
von der Technischen Universität in Turin und dem Sicherheitsexperte Valerio Brinati zu inspirieren
und zu motivieren, denn alle beteiligten Personen haben einen fundamentalen Beitrag bei der
Unterstützung dieses Abenteuers des Seglersportlers Matteo Micheli geleistet.
Micheli wünscht sich eine Zukunft, in der wir raus aufs Meer gehen, ohne die Absicht der
Ausbeutung der Natur und unserer Lebensräume.
Fortsetzung folgt...
Um die Route der ECO40 auf dem Tracker verfolgen zu können, stehen Informationen und Bilder
aus dem Logbuch von Matteo Miceli auf der Website www.matteomiceli.com zur Verfügung.
Zur Person:
Matteo Miceli wurde am 15. Dezember 1970 in Ostia (Rom) geboren. Alle vier Geschwister sind
Sportler, darunter die Schwester Martina, die 2004, die Goldmedaille im Team der italienischen
Wasserballerinnen, dem berühmten “Setterosa” gewann. Miceli ist ein Selfman-Segler, der es vom
Auszubildenden, zum Angestellten bis hin zum Mitbesitzer der Bootsbau-Werft Cantieri d'Este in
Fiumcino (Rom) gebracht hat. Im Jahr 2005 überquert er, gemeinsam mit Andrea Gancia, den
Atlantik auf einem nicht bewohnbaren Katamaran. Zwei Jahre später wiederholt er dieses Rennen
als Einhandsegler: Von den Kanarischen Inseln nach Guadalope in 14 Tagen, 17 Stunden und 52
Minuten. Er kennt die guten und schlechten Seiten des Segelns. Im Jahr 2011, beim
Rekordversuch der Atlantiküberquerung, erleidet er, gemeinsam mit Pincolini, an Bord des
Katamaran “Biondina”, Schiffsbruch.
Text und Bilder: Andreas Ryll