Pressemitteilung der illbruck Challenge zum Start der 5. Etappe des Volvo
Ocean Race
9. März 2002
„illbruck“ startet auf 4.550 sm nach Miami
Glühende Hitze und schwache Winde am Starttag / Mehr als 1000 Begleitboote
Rio de Janeiro – Die Carioca, wie die Bewohner Rio de Janeiros genannt
werden, hatten die Leinen losgeworfen: Mehr als 1000 Begleitboote säumten
am Sonnabend Mittag um 13.30 Uhr Ortszeit (17.30 Uhr in Deutschland) den
Start der vierten Etappe des Volvo Ocean Race von Brasilien nach Miami/USA
und gaben der härtesten Segelregatta der Welt einmal mehr einen
atemberaubenden Rahmen. Bei glühender Hitze von fast 40 Grad und einer
schwachen Brise unterm Zuckerhut gingen die acht Yachten auf die 4.550
lange Reise, die voraussichtlich bis zum 26./27. März dauern wird. Die
Gesamtführung verteidigen wird die Leverkusener „illbruck“, die mit 29
Punkten vor der „Amer Sport One“ (Finnland/Italien, 22) und der „Assa
Abloy“ (Schweden, 20).
„Es wird eine trickreiche Etappe mit stark wechselnden Windverhältnissen“,
meinte „illbruck“-Skipper John Kostecki vor dem Ablegen, „unser Ziel
bleibt ein Platz auf dem Podium.“ Nach drei Etappensiegen und einem
vierten Platz sei die Favoritenrolle zwar unübersehbar, doch immer noch
mehr als die Hälfe aller Punkte zu vergeben. Eine besondere
Herausforderung werde in jedem Fall die andauernde Hitze mit umfangreichen
Flautenlöchern auf der Route über den Äquator werden. Nachdem die Crews
zuletzt bei schwerem Stürmen zwischen Eisbergen hindurch navigieren
musste, sehen sie jetzt den genau entgegensetzten Bedingungen entgegen.
Die Landmannschaft (Shore Crew) der illbruck Challenge hatte das 19,50
Meter lange und 5,25 Meter breite Boot in mehr als drei Wochen
Hafenaufenthalt auf Herz und Nieren geprüft. In einer Email (siehe unten)
hat Mechaniker und Ingenieur Robin Blue Hewitt beschrieben, was sich so
alles unter Deck der „illbruck“ verbirgt.
Gesamtstand nach vier von neun Etappen:
1. illbruck 29 Punkte
2. Amer Sports One 22
3. Assa Abloy 20
4. News Corp 19
4. Tyco 18
6. djuice 17
7. SEB 12
8. Amer Sports Too 7
Nachfolgend eine Email aus der Shore Crew von der Vorbereitung auf die
fünfte Etappe:
Von Pumpen und Generatoren – die Technik an Bord
Von Robin „Bluey“ Hewitt, Mechaniker und Ingenieur der Shore Crew
Hallo Fans der illbruck Challenge,
mein Name ist Robin Hewitt, die meisten nennen mich aber einfach “Bluey”.
Ich bin gelernter Marineschlosser und Dreher sowie studierter Ingenieur
und arbeite als Techniker und Mechaniker und Ingenieur in der Shore Crew
der illbruck Challenge. Seit es Volvo Ocean 60 Racer (ehemals Whitbread 60
’s) gibt, hatte ich ständig mit Yachten dieser Klasse zu tun. Vom ersten
Schiff dieses Typs an, der „Yamaha“ unter Skipper Ross Field, habe ich für
mittlerweile 13 V.O. 60’s die meisten technischen Systeme, vor allem die
Wasserballastsysteme, an Bord entworfen, gebaut und installiert.
Während des mehr als dreiwöchigen Stopovers in Rio de Janeiro hatte die
Shore Crew alle Hände voll zu tun, die Technik und Systeme an Bord zu
warten und gegebenenfalls zu reparieren. Denn die Belastung auf einer
6.700 Seemeilen langen Etappe sind enorm, und es war nicht auszuschließen,
das sich irgendwo ein Verschleiß eingestellt hatte. Nachfolgend ein
kleiner Einblick in die mechanischen Bauteile und das Ballastsystem, die
unter den Bodenbrettern der „illbruck“ versteckt sind:
An Bord gibt es den Klassenregeln entsprechend zwei Dieselmotoren, beide
von Volvo. Die Hauptmaschine treibt über einen Sail Drive (auch das ist
Klassenvorschrift) beim Ein- und Auslaufen in den Etappenhäfen oder in
Notsituationen die Schraube an. Sie kann außerdem als Ersatzgenerator
eingesetzt werden, denn sie ist an einen 24-Volt-Hauptgenerator
angeschlossen. Wir haben zwei 24-Volt- und zwei 12-Volt Generatoren an
Bord, die jeweils wahlweise geschaltet werden können.
Die zweite Maschine ist ein kleiner 36-kW-Dieselmotor, der über eine
Kupplung mit zwei Wellen ein Schwungrad betreibt und den anderen
24-Volt-Generator sowie die wichtigen Ballastpumpen versorgt. Außerdem
liefert er die 12-Volt-Spannung für die elektrische
Wasseraufbereitungsanlage. Wir arbeiten mit zwei Bordstromkreisen. Mit dem
12-Volt-Kreis werden der Motor gestartet, die Seewasserentsalzungsanlage
betrieben und die elektromagnetischen Schalter gesteuert. Am 24-Volt-Kreis
hängen die Computer, Instrumente, Beleuchtung und so weiter.
Die Hochleistungs-Wasserballast-Pumpe mit Gummi-Impeller wird über eine
elektromagnetische Kupplung gesteuert. Das Seewasser wird durch ein großes
Seeventil (zwei identische sind backbord und steuerbord eingebaut) über
ein zwei unterschiedliche Einstellungen in das Hauptverteilerrohr gepumpt.
Von diesem Rohr aus können wir das Wasser wahlweise nach Backbord oder
Steuerbord leiten und darüber hinaus entscheiden, welcher Tank gefüllt
werden soll, oder natürlich auch alle drei gleichzeitig fluten. Bei einer
Wende lässt die Crew das Wasser mithilfe der Schwerkraft vom Luvtank in
den Leetank laufen, indem die entsprechenden Ventile geöffnet und
geschlossen werden. Dabei geht immer etwas nach außenbords verloren, so
dass dieses Restwasser mit der Pumpe wieder aufgefüllt wird. Und wenn die
Crew das Wasser wieder loswerden will, öffnet sie die See- und
Tankventile, so dass das Wasser ungehindert zurück ins Meer laufen kann.
Dieses Vorgang dauert am längsten, nämlich mehr als eine Minute, während
das Füllen schon in 20 bis 30 Sekunden und das Umlaufen und Auffüllen in
30 bis 40 Sekunden erledigt ist. Durch im Laufe der Jahre verbesserte
Technik hat sich die benötigte Zeit immer weiter verringert.
Die Seewasserentsalzung funktioniert nach dem umgekehrten Osmoseprinzip,
bei dem eine Hochdruckpumpe Seewasser durch eine Filtermembran drückt. 80
Prozent der Flüssigkeit gehen wieder als „Abfallprodukt“ über Bord. Die
restlichen 20 Prozent sind reines Wasser, das wirklich angenehm zu trinken
ist, denn es sind keinerlei Chemikalien beigemischt.
In jedem Etappenhafen werden alle Systeme geprüft und gewartet. Sollte uns
die Crew auf Fehlfunktionen hinweisen, werden diese natürlich sofort
beseitigt. In Auckland etwa wurden alle Pumpen, Wellenlager etc.
demontiert und gereinigt sowie abgenutzte Teile ausgetauscht. Die Wahl
hierfür fiel auf Auckland, da dieser Etappenhafen ungefähr auf der Hälfte
der Wegstrecke des Volvo Ocean Race liegt.
Unter meine Verantwortung fallen ferner die Herstellung und Reparatur
maßgeschneiderter Deckbeschläge, das Schweißen von Nirosta- oder
Aluminiumteilen, zum Beispiel die Kojen- oder Staurohre, und mehr oder
weniger alles, was aus Metall ist, sowie die Bordhydraulik für Rigg und
Segel. Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen verständlichen Einblick in die
eher verborgenen Einrichtungen und Arbeiten an Bord geben, die einen
kleinen, aber wichtigen Teil des Volvo Ocean 60-Racers „illbruck“
ausmachen, den wir in den vergangenen Tagen fit für den Start der fünften
Etappe nach Miami gemacht haben.
Robin Hewitt (Bluey)
Mechaniker und Ingenieur
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