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Volvo Ocean Race 2001/2002

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illbruck-Crew
Wolkenschule bleibt nackte Theorie / High Score im Pinball
Von Wachführer Mark Christensen
Montag, 8. Oktober 2001
Ich glaube, wir haben es jetzt geschafft und sind nach etlichen Anläufen
seit heute Abend aus den Doldrums raus. Am Nachmittag zwischen 14 und 19
Uhr war nicht eine einzige Gewitterwolke zu sehen. Aber am Ende unserer
Wache tauchten dann doch wieder einige dunkle Flecken am Horizont auf –
nicht so dramatisch, hoffe ich. Immerhin stellt sich jetzt die
vorhergesagte Windrichtung und auch Stärke ein. Im Moment segeln wir bei
zehn Knoten am Wind, das Code Zero-Segel ist oben.
Vorige Nacht sah das ganz anders aus. Wir haben alle Konditionen geboten
bekommen – von einer ganzen Stunde totaler Flaute bis hin zu einer halben
Stunde bei 20 Knoten Bootsspeed in die richtige Richtung. Der Wind wehte
von 0 bis 30 Knoten aus Richtungen 60-250 Grad. Echt seltsam. Immerhin
wurden wir davon unter Strich getrieben.
Die beste Wolke ist immer die, die man vermeiden kann. Wir hatten vier,
die direkt über unser Masttop fegten. Jede schickte uns entweder total ab
vom Kurs, während wir Segel wechselten oder ließ uns komplett einparken in
dem Versuch, sie zu umgehen. Dummerweise erzählen sie dir in der
Wolkenschule nur, wie die theoretische Schauerwolke sich verhält. In der
Praxis sieht das alles ganz anders aus.
Es war aber nicht immer nur Glück, wenn wir um einige Wolken gut herum
gekommen sind. Im Dunkeln allerdings, wenn auf dem Radar ein Wolkenband
den Kurs zu Kreuzen droht, hilft alles nichts, und man muss da genau
durchsegeln und einfach nur hoffen. Die vergangenen drei Vergleiche zeigen
Assa Abloy als klaren Gewinner, die konnten kontinuierlich gewinnen und
sind nun rund zehn Meilen hinter uns. Die anderen Boote kamen näher und
fielen wieder zurück, je nachdem wie viele Wolken sie erwischten.
Die Stimmung an Bord ist ausgezeichnet. Wir waren vorgewarnt, dass wir
unseren Vorsprung in den Doldrums verlieren könnten, aber wir sind mit
einem kleinen Plus da rausgekommen. Das Boot ist in gutem Zustand und wir
müssen die Verpflegung nicht rationieren. Richard hat das Essen gut
verwaltet und wir haben noch einige Tage in Reserve. Wir wussten immer,
dass es eine lange Etappe werden würde und sind immer noch der Meinung,
dass dieses Rennen erst ganz am Ende gewonnen ist. Bisher haben wir keine
großen Schäden und sind unserem Shore-Team sehr dankbar für die gute
Vorbereitung des Bootes und der Segel.
Noch ein paar Worte zu meiner persönlichen Situation: Es gibt keinen neuen
Verletzungen und keine vermisste Ausrüstung. Der Ballasttank leckt nur auf
Backbordbug in meine Koje. Die Prognosen sagen uns für die kommenden acht
Tage nur Backbordbug voraus... Ray hat jetzt aufgehört, seine nassen
Socken in meine Stiefel zu stopfen – ich denke weil meine Stiefel jetzt
auch nass sind. Dafür hat er eine neue Leidenschaft entdeckt. Ray ist für
die Medienübertragung an Bord zuständig und hat festgestellt, dass auf dem
Mediencomputer ein Spiel (Pinball) installiert ist. Ich bin also von einem
merkwürdigen Geräusch aus der unteren Koje aufgewacht, und da lag Ray mit
dem Computer in der Koje und versuchte, eine neue Höchstpunktzahl (High
Score) aufzustellen. Herzlichen Glückwunsch zu den Geburtstagen an meine
Eltern für gestern und morgen.
Southampton, England, October 6, 2001 2200 GMT
A Quick Transition
According to the weather map, it looks as if the leading group consisting
of illbruck, ASSA ABLOY, News Corp, Tyco and Amer Sports One and Too have
all cleared the doldrums. Illbruck encountered S to SE winds, delivering
very stable sailing conditions. They sail under full index sail and the
Code 0 masthead Genoa in 10 knots of wind. All the other boats had to byte
the lemon and accept losses ranging from one to 35 miles in just six
hours.
Team SEB and djuice are struggling with the weather, still suffering from
extremely variable condition, ranging from dead calm to sudden squalls.
Illbruck has 350 miles to the equator and approximately 600 miles to the
next waypoint, the island of Fernando de Noronha off the Brazilian coast.
The yachts have to leave this island to port on their way to Cape Town.
Southampton, England, October 8, 2001 1600 GMT
Little Gains, Big Losses
ASSA ABLOY is the only yacht keeping pace with race leader illbruck. As
most of the boats are in the doldrums by now, they find regular showers,
squalls and calm spots. Of course they have very limited influence on what
the weather is throwing at them. The one thing they can do is working as
hard as they can when changing sails and trimming in these extremely
variable conditions.
News Corp in second position six hours ago lost ten miles, Tyco even 16,
Amer Sports One seven and Team SEB 11. Amer Sports Too is holding sixth
place with almost 50 miles on Team SEB and more than 100 on djuice.
Within the next hours the wind is forecast to go back to the east and to
increase. The southeast trade winds should set in as soon as a yacht
crosses 5N, looking stable for the 650 miles to Fernando de Noronha, which
can be reached in two to three days.
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Position Report Day 16, 1604 GMT
PS Yacht Latitude Longitude DTF CMG SMG TFHR DTL ROC ETA PO
1 ILBK 06 33.84N 029 25.64W 04315 205 08.7 223 0 00.0 25 OCT 01 8
2 AART 06 45.12N 029 26.28W 04326 207 08.8 232 11 00.0 25 OCT 01 7
3 NEWS 06 56.40N 029 30.44W 04336 207 07.2 239 21 -01.6 25 OCT 01 6
4 TYCO 07 10.60N 029 32.12W 04349 205 06.1 218 34 -02.6 25 OCT 01 5
5 AONE 07 10.96N 029 18.68W 04353 207 07.6 233 38 -01.1 25 OCT 01 4
6 ATOO 08 30.19N 029 10.14W 04432 216 07.7 238 117 -01.6 25 OCT 01 3
7 TSEB 07 51.32N 025 40.92W 04476 194 07.1 138 161 -01.8 26 OCT 01 2
8 DJCE 09 46.52N 026 59.48W 04545 201 04.9 183 230 -03.8 26 OCT 01 1
Pressemitteilung der illbruck Challenge am 16. Tag der 1. Etappe des Volvo
Ocean Race
8. Oktober 2001
Extreme Wind- und Wetterschwankungen beuteln die Crews
Mit den ersten sporadischen Gewittern kündigten sich am Montag Morgen die
Kalmen selbst an. Die Leverkusener Hochseeyacht „illbruck“ erreichte die
innertropische Konvergenzzone als Erste der acht Boote des Volvo Ocean
Race. Elf Seemeilen vor der australischen „News Corp“ und der schwedischen
„Assa Abloy“, die etwa gleichauf lagen, drang die Crew von Skipper John
Kostecki in die wohl schwierigste Passage der ersten Etappe der härtesten
Segelregatta der Welt ein. „Wir sind quasi ununterbrochen mit
Segelwechseln beschäftigt“, berichtete Mastmann Jamie Gale, „Wind und
Wetter ändern sich von einer Minute auf die nächste vom einem ins andere
Extrem.“
Temperaturen um die 30 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit machen den
Mannschaften jetzt zu schaffen. Trotz teils wolkenbruchartiger Regengüsse
tragen sie an Deck nur Shorts und T-Shirts. „Es ist schlicht zu heiß für
Regenkleidung und einfacher, die ganze Wache durchnässt zu sein“, so Gale.
Und weiter: „Es ist unglaublich. Kaum haben wir einen Spinnaker getauscht,
hat sich die Brise schon wieder so verändert, dass wir die Schoten für ein
neues Segel klarmachen müssen.“
Wie die „illbruck“ durch den Kalmengürtel kommt, könnte vorentscheidend
für den Ausgang der Etappe werden. Die Passage kann einige Stunden, aber
auch mehrere Tage dauern. Dabei schaut die Crew im Cockpit tagsüber
aufmerksam nach allen Wolken aus, zwischen denen der Wind typischerweise
mit Stärke drei bis vier weht. Nachts beobachten die Navigatoren den
Radarschirm, um auf die lokale Entwicklung in der Umgebung richtig zu
reagieren. Allerdings dreht der Wind auch stark in alle Richtungen, und es
gibt häufig unvorhergesehene Sturmböen. „Wenn du mit deiner Einschätzung
falsch liegst, segelst du plötzlich mit mehr als 20 Knoten rechtwinklig
zum gewünschten Kurs, bevor die Segel wieder angepasst sind“, beschreibt
Jamie Gale das Geschehen.
Am 16. Tag der insgesamt 7.350 Seemeilen langen Etappe hatte die „illbruck
“ knapp 3.000 Seemeilen absolviert. Sobald sie den Äquator überquert und
den Südost-Passat erreicht, dürfte die Regattareise schneller voran gehen.
Derzeit wird weiter mit einem Zieleinlauf um den 25. Oktober gerechnet.
Hinter den Doldrums werden die Prognosen allmählich genauer.
Nachfolgend eine Email von Bord zur Situation in den Kalmen:
Wie eine Jeans im warmen Spülgang
Von Mastmann Jamie Gale
Wenn ich in meinem nächsten Leben als Jeans auf die Welt käme, wüsste ich
schon wie es sich anfühlt, in einem warmen Spülgang in der Waschmaschine
zu sein. Heute früh merkten wir auch ohne unsere Navigatoren, dass wir nun
endlich die Doldrums erreicht haben: Sie stellten sich uns mit einem
dezenten Regenguss und Gewitter vor. Wir begannen, wie die Wahnsinnigen
die Segel zu wechseln, was bis jetzt den ganzen Tag anhielt. Es ist
unglaublich: Hat man nach einem Segelwechsel gerade alles aufgeräumt, da
weht der Wind schon wieder aus einer anderen Richtung, und man kann wieder
von vorn anfangen, für den nächsten Wechsel alles vorzubereiten.
An Deck tragen die Jungs zur Zeit nur ihre hauchdünnen T-Shirts und
Gore-tex-Shorts. Es ist einfach zu heiß für unsere Schlecht-Wetter
Klamotten und einfach leichter, die Wache völlig durchnässt zu schieben.
Die gute Nachricht: Es sieht so aus, als würden uns die Doldrums nicht
allzu lange aufhalten und unser Vorsprung mehr oder weniger stabil
bleiben. Doch ich habe das Gefühl, dass sich das alles mit der nächsten
schwarzen Wolke ändern kann. Also drücken wir die Daumen, dass unsere
Navigatoren Recht behalten.
Das Interessante am Segeln unter diesen Bedingungen sind die neuen
Methoden, wie die Segel während der Gewitterböen zu trimmen sind. Die Böen
sind meistens so kurz, dass gar nicht genügend Zeit wäre, vom Spinnaker
auf die Fock oder den asymmetrischen Reacher zu wechseln, und dann wieder
zurück zum Spinnaker, sobald sich der Wind weiterentwickelt hat. Zur Zeit
wird so reagiert: Den Spi drauflassen, abfallen und Tiefe fahren, wenn die
Böe einen erfasst.
Sobald eine neue Wolke auftaucht, starren alle Augen sie an, und versuchen
einzuschätzen, wie stark die Böe sein wird und um wie viel der Wind drehen
wird. Normalerweise weht die Brise zwischen den Wolken mit 13 bis 14
Knoten. Aber dann können es 30 bis 35 Knoten werden, und das genauso
schnell wie allein der Ruf „Nehmt es (das Segel) runter“ dauert. Mit
richtiger Einschätzung kann man einen großen Vorsprung rausholen; wenn man
falsch lag, kann es auch plötzlich mit einer Geschwindigkeit um die 20
Knoten im rechten Winkel zum eigentlichen Kurs weitergehen. Wie auch
immer, es ist mit Sicherheit besser als unser Driften in der vorigen
Woche.
Jamie Gale
Weitere Informationen:
Andreas Kling
0172/2578817
akling@illbruck-Challenge.com
http://media.illbruck-Challenge.de
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