The Global Challenge 2004/05
Portsmouth-Kap Hoorn-Kapstadt-Portsmouth
03.10.2004 - 17.07.2005
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Segeln am Rande der Erschöpfung
Leg 4 - 13.03.2005

"Wir segeln am Rande der Erschöpfung" erzählt ein Crewmitglied der zwölf 72 Fuß Stahlyachten der Global Challenge 2004/05 Amateurweltumseglung. Zwei Wochen nach dem Start in Sydney haben alle 216 zukünftigen Weltumsegler die ungeheure Kraft und Ausdauer des südlichen indischen Ozeans ausgiebig kennen gelernt. Aber sie haben noch nicht mal die Hälfte der gut 35 bis 41 Tage dauernden schwersten Etappe der Regatta hinter sich.
Als die Yachten vor 10 Tagen von Sydney kommend südlich von Hobart in den indischen Ozean "abgebogen" sind, glaubten die Crews noch, dass es nicht viel schlimmer werden kann. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 40 Knoten, in Böen sogar etwa mehr, und langen und hohen Wellen kämpften Sie um die besten Positionen. Sony VAIO wählte die südlichste Route, da dort der Wind stärker ist. Auch Me To You mit der Bremerhavenerin Birgit Obermüller, wählte eine südliche Route und konnte am 6ten und 7ten März mehrfach die Führung übernehmen. Doch dann übernahmen BP Explorer mit dem Thüringer Holger Bindel und Imagine IT. Done mit der einzigen weiblichen Skipperin Dee Caffari abwechselnd die Führung. Ihre etwas konservative nördliche Route hatte sich ausgezahlt. Seit dem 8ten März aber behauptet BP Explorer seine Führung knapp vor Imagine IT. Done. Me To You mit ihrer sehr südlichen Route sind derzeit auf Platz Neun bzw. Zehn mit gut 70 Seemeilen Rückstand abgerutscht. Spirit of Sark mit dem Rheinländer Jürgen Dieris halten sich im Mittelfeld auf, knapp 50 Seemeilen hinter der Spitze, und hoffen auf ihre Chance.

In den letzten Tagen ist der Wind nie unter 25 Koten gewesen. Das entspricht Windstärke sechs. Meistens waren es jedoch um die 40 Knoten, das ist Windstärke acht bis neun und immer häufiger kurzfristig und in Böen sogar bis zu 55 Knoten, das entspricht Windstärke 10. Eine normale Yacht hätte bei diesem Wetter keine Überlebenschance. Die zwölf baugleichen Global Challenge Yachten sind speziell für diese Regatta konstruiert worden. Die fast 23 Meter langen Stahlyachten wiegen 42 Tonnen. Das ist in etwa das 2.5-fache einer nur vier Meter kürzeren Volvo Ocean Race Yacht (z.B. die illbruck). Da die Challenge Regatta aber, im Gegensatz zu allen anderen Weltumsegelungsregatten, von Ost nach West und somit gegen Wind und Wellen segeln, müssen sie auch viel stabiler sein. Die Crews berichten von Wellenhöhen von im Schnitt 20 Meter, das entspricht einem sechsstöckigen Hochhaus. Etwa jede zehnte Welle ist eine sogenannte "Freak-Wave", die deutlich höher ist und auch bricht. Wenn diese auf die Yachten knallen, dann werden diese für wenige Sekunden zu U-Booten. Nicht angeleinte Crews hätten keinerlei Chance sich an Bord zu halten.

Trotz dieser unglaublichen Wind- und Wellenverhältnisse müssen die Crews alle paar Stunden auf das Vordeck um die Segel zu wechseln, denn es ist eine sehr hart umkämpfte und spannende Regatta. "Die Arbeit auf dem Vordeck ist ein schierer Kampf ums Überleben", berichtet ein Crewmitglied. "Du stehst vor dem Vorstag mit dem Rücken in Fahrtrichtung um das Segel mit den Stagreitern am Vorstag zu befestigen, und plötzlich reitet die Yacht eine 25 Meter hohe Welle hoch und fällt, nachdem die Welle unter der Yacht durch ist, 25 Meter im freien Fall nach unten. Du spürst die Schwerelosigkeit, hebst mit den Füßen ab und klammerst dich am Vorstag und Segel fest. Wenn die 42 Tonnen dann aufschlagen, landest du sehr unsanft wieder auf der Yacht und Tonnen von Wasser überrollen das Vordeck bis zum Heck. Du bist unter Wasser, hälst die Luft für wenige Sekunden an, dein Körper wird gegen den Vortag gepresst und du wartest, bis die Yacht wieder auftaucht. Danach arbeitest du noch schneller, denn die nächste große Welle kommt bestimmt."

Neben den starken Wind haben die Crews auch vermehrt mit der Kälte zu kämpfen. Von Tag zu Tag wird es deutlich kälter. Dazu kommt die Nässe und seit wenigen Tagen auch Schnee- und Hagelschauer. Gerade Hagelschauer sind sehr unangenehm. "Eine Gischt mit 40 Knoten ins Gesicht ist schrecklich, aber Hagel mit 40 Knoten ist, als wenn dich jemand mit Stecknadeln aus einem Luftgewehr beschießt", berichtet ein Crewmitglied. Ein anderer schreibt "Es ist so grausam, aus der warmen Koje zu steigen, in die kalte und nasse Segelbekleidung zu wechseln, und an Deck sofort vom eisigen Wind und Wasser empfangen zu werden. Trotz High-Tech Kleidung sind die Zehenspitzen und Finger innerhalb weniger Minuten fast erfroren." Derzeit werden die Rudergänger und Segeltrimmer nach spätesten 15 Minuten in der nasse Kälte ausgewechselt. Die Crews tragen übrigens die aus Goretex bestehende Segelkleidung der Firma Musto. Es basiert auf einem 3 bis 4 Lagen System. Das An- bzw. Ausziehen bis auf die Thermounterwäsche dauert bei diesen Konditionen etwa 15 Minuten.

"Jede Aktion an Deck, und sei sie noch so einfach, bringt uns an die Grenzen der körperlichen und seelischen Belastbarkeit" schreibt ein weiteres Crewmitgied in den täglichen Emails von Bord. Auch unter Deck ist das Leben eine Herausforderung. Das An- und Ausziehen, aber auch der Toilettengang sind eine akrobatische Übung. Selbst das Essen bei konstanter 30 Grad Schräglage ist schwierig. Dazu kommt, dass die Yacht durch die Wellen stampft und alle paar Minuten von einer Welle fällt und dann an Bord für wenige Sekunden Schwerelosigkeit herrscht. Noch schwerer ist das Kochen. Die Crews benötigen auf Grund der Kälte und der Anstrengungen derzeit etwa 5500 bis 6000 Kalorien pro Tag. Das ist in etwa das 2.5-fache eines Büromenschen. Erstaunlicherweise melden keine Yachten Probleme mit Seekrankheit, sondern alle berichten von einem guten Appetit.
 
Zusätzliche Probleme haben derzeit die 17 Crewmitglieder an Bord Team Save the Children. Die Heizung an Bord ist ausgefallen. In einer nicht ganz ernst gemeinten Email an die Regattaleitung fragten sie an, ob sie in der Segelkammer im Vorschiff ein Lagerfeuer anzünden dürften. Erwartungsgemäß wurde es aber abgelehnt. Das vor neun Tagen in Hobart evakuierte Crewmitglied Adrian vom Team Save the Children befindet sich derzeit auf dem Wege der Besserung. Er hate sich, in der Koje liegend, bei schwerer See verletzt. Seine Hüfte wurde dabei ausgekugelt und einige Kochen wurden abgesplittert. Trotz erheblicher Schmerzen wurde er im Krankenhaus von Hobart nicht operiert, sondern wird derzeit von einem Physiotherapisten behandelt. In den nächsten Tagen wird er weiter nach Kapstadt fliegen, um dort seine Mannschaft begrüßen zu können.

Die Etappe von Sydney nach Kapstadt wird etwa 35 bis 41 Tage dauern. Die ersten Yachten werden ab dem 5. April in Kapstadt erwartet. Der nächste Wegepunkt wird in ca. 6 Tagen erreicht. Um nicht zu weit südlich in eisberggefährdetes Gebiet zu kommen, müssen die Yachten Wegepunkt Bravo nördlich der Kerguelen Inseln bei 48°S/70°Ost nördlich passieren. Derzeit befinden sich die Yachten bei etwa 53°S/108°E. Bisher am südlichsten auf dieser Etappe waren die Yachten Sony VAIO und Me To You mit über 56°S. Nach der Passage der Kerguelen Inseln in ca. eine Woche werden die Crews das Schlimmste überstanden haben. Danach folgen noch zwei Wochen Amwind Segeln bei schwerer See und zum Schluss drei bis vier Tage Spinnakersegeln entlang des Agulhas Stromes im Süden von Südafrika.

Positionen am Tag 14, Sonntag (13.03.2005 um 14:08 GMT)
Pos. Yacht sm bis Ziel Abstand zur Führung
1 BP Explorer (Holger Bindel) 3873 0
2 Imagine IT. Done. 3884 11
3 Barclays Adventurer 3895 22
4 Team Stelmar 3907 34
5 Samsung 3918 45
6 Spirit of Sark (Jürgen Dieris) 3920 47
7 BG Spirit 3929 56
8 Pindar 3939 66
9 Me To You (Birgit Obermüller) 3947 74
10 SAIC La Jolla 3955 82
11 Sony VAIO 3998 125
12 Team Save the Children 4114 241

Text: Rainer Seifert
Copyright aller Fotos dieser Seite: Challenge Business Ltd. bzw. On Edition The Photographers Mehr deutsche Informationen und Fotos unter www.rainerseifert.de/gc2004/. Offizielle englische Regattaseite: www.globalchallenge2004.com Eine Weiterveröffentlichung dieser Seite ist erlaubt, sofern der Textautor und das Bilder Copyright genannt wird.

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Segeln blindes gif
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