Pressemitteilung vom Volvo Ocean Race
7. April 2012
Erster Sieg der „Puma“ mit Müller
Spannender Zweikampf mit der „Telefoníca“ bis ins Ziel
ITAJAÍ. In einem Herzschlagfinale hat die Crew der Hochseesegelyacht „Puma“
mit dem Kieler Vorschiffsmann Michael Müller die härteste Etappe des Volvo
Ocean Race rund um die Welt gewonnen. Nach 19 Tagen, 18 Stunden, neun
Minuten und 50 Sekunden voller Strapazen von Auckland/Neuseeland durchs
Südpolarmeer rund Kap Hoorn steuerte US-Skipper Ken Read sein Boot vor
Itajaí in Brasilien am Abend des Karfreitags (6. April) ganze zwölf Minuten
und 38 Sekunden vor der spanischen „Telefoníca“ von Iker Martínez über die
Ziellinie. Auf dem fünften Teilstück der Weltregatta über 6.700 Seemeilen
(12.400 Kilometer) blieb die „Puma“ als einziges Schiff von größeren Schäden
verschont und kletterte in der Gesamtwertung mit 113 Punkten vorrübergehend
auf Rang zwei hinter den Spaniern (147). Nach ihrem Mastbruch setzte Franck
Cammas’ „Groupama“ aus Frankreich jedoch am Ostersonnabend die Regatta nach
einem Stopp in Punta del Este/Uruguay fort und dürfte als Dritte mit 127
Zählern ankommen. Die Entscheidung fällt Anfang Juli in Galway/Irland.
„Das war eine unglaublich harte Etappe, zweigeteilt mit extremen Bedingungen
bis Kap Hoorn und wechselhaft, aber taktisch spannend danach“, sagte Müller
nach dem Zieleinlauf. „Die Crew kann diese Belastungen immer noch ganz gut
dosieren und wegstecken, aber das Boot bricht früher oder später
auseinander, wenn wir nicht vom Gaspedal gehen“, so der 29-Jährige. Und
genau das hat sein Team mit dem richtigen Fingerspitzengefühl getan.
„Überleben und Überreizen liegen im Southern Ocean meist dicht beieinander“,
pflichtete Skipper Read dem einzigen Deutschen im härtesten Hochseerennen
der Welt bei, „die Boote sind schon enorm widerstandsfähig, aber
kaputtfahren könnten wir sie bei schwerem Wetter jederzeit. Volldampf geht
einfach irgendwann nicht mehr.“
Unterhalb des 40. Grads südlicher Breite, den berühmten Roaring Forties
(Brüllenden Vierzigern), mussten die Hochseesegler diesmal orkanartige
Stürme mit zehn Meter hohen Wellen überstehen. Atemberaubende Videobilder
mit weißen Brechern an Deck gingen um die Welt. Wenn die Gegner danach immer
noch in Sichtweite um den Sieg kämpfen, wird die Intensität der
Hochseeregatta auch für den Beobachter greifbar.
Und die letzten Stunden vor dem Zieleinlauf in Itajaí waren an Dramatik kaum
zu überbieten. Praktisch wehrlos hatte das „Puma“-Team zuschauen müssen, wie
der Verfolger unaufhaltsam mit dem besseren Wind schräg von hinten aufkam
und den Rückstand vollkommen egalisierte. „Die gesamte Crew hat zuletzt kein
Auge mehr zugemacht, sondern um jedes Zehntel Knoten an Geschwindigkeit
gekämpft“, berichtete der stolze Skipper. Erst kamen die Kontrahenten in
Sichtweite, dann kreuzten sich die Wege. Der Vorsprung schmolz zeitweise auf
nur noch 400 Meter. In klassischer Matchrace-Taktik konterte Read jeden
Überholversuch der Spanier, segelte sogar weit an der Anliegelinie zum Ziel
vorbei, um am Ende keinerlei Risiko mehr einzugehen. Read. „Erst eine
Viertelstunde vor Schluss waren wir uns sicher, dass nichts mehr schiefgehen
konnte. Das war ein richtig gutes Gefühl.“
Schon auf dem Wasser war der Empfang überwältigend. Zahlreiche Begleitboote
säumten die Ziellinie. Und viele tausend Menschen waren ins Racevillage
gekommen, um die Hochseehelden zu begrüßen. „Ich habe noch nie so viele Fans
auf einem Segelevent gesehen“, meinte Ken Read, „das ist gigantisch.“ Viele
Außenstehende hatten der internationalen Mannschaft den ersten Etappensieg
gegönnt und reihten sich in die Schar der Gratulanten ein. Der Skipper: „Ich
glaube, wir haben es diesmal wirklich verdient.“ Dreimal zuvor war die
„Puma“ Zweite geworden, in zwei Hafenrennen und auf der vierten Etappe von
China nach Neuseeland.
Die von Materialbruch geprägte Königsetappe war auch für die „Puma“-Crew ein
Wechselbad der Gefühle. Schon in der ersten Nacht nach dem Start waren die
Bedingungen so brutal gewesen, dass sich zwei Segler erheblich verletzten,
als sie an Deck von den Wassermassen umgeworfen wurden. Der Skipper wollte
sie schon auf den Chatham-Inseln abbergen lassen, als der Wind nachließ und
Zeit zur Erholung erlaubte. Ihr Zustand besserte sich, eine
Schlüsselsituation im Rennen. Dagegen musste Ian Walker die „Abu Dhabi“
gleich nach Beginn zurück nach Neuseeland steuern, um ein herausgerissenes
Schott zu reparieren, und die chinesische „Sanya“ mit dem zweimaligen
Gesamtgewinner Mike Sanderson später nach einem Ruderbruch ganz aufgeben.
Wegen des geringen Frachtverkehrs zwischen Neuseeland und Brasilien
verzichtete das Team bereits auf die Teilnahme an der sechsten Etappe nach
Brasilien (Start: 22. April) und ließ das Boot direkt in die USA
verschiffen.
Doch damit nicht genug. Im weiteren Verlauf erwischte es die neuseeländische
„Camper“ von Chris Nicholson. Mit einem Rumpfschaden drehte sie ab und nahm
statt Kap Hoorn Kurs auf den chilenischen Hafen von Puerto Montt 800
Seemeilen weiter nördlich. Dort wurde mehrere Tage lang repariert, bevor die
Etappe über Ostern wieder aufgenommen wurde – 3.000 Seemeilen blieben noch
nach. Inzwischen hatte auch die „Abu Dhabi“ erneut Probleme. Eine
Delamination am Rumpf wurde mit 30 Schrauben durch die Außenhaut
provisorisch fixiert. Doch auch das Team lief nach Chile ab, wo es die
Etappe aufgab, um zumindest per Frachter noch rechtzeitig zum Hafenrennen
nach Itajaí zu gelangen.
An der Spitze des Felds setzte sich die „Groupama“ vor der „Puma“ ab, als
auch der ehemalige 49er-Olympiasieger Iker Martínez bremsen musste. Die
„Telefoníca“ war im Bugbereich „angebrochen“, doch die Shore Crew
(Landmannschaft) schaffte eine logistische Meisterleistung. Statt eines
geplanten Stopps im argentinischen Hafen von Ushuaia schickte sie der
Rennyacht ein Motorboot entgegen, aus dem die Bootsbauer in einer
geschützten Bucht des Kap Hoorn-Nationalparks in 17 Stunden die Reparatur
vollzogen. Der Schachzug zahlte sich doppelt aus, denn die Spanier nahmen
das Rennen in einem viel günstigeren Wetterfenster wieder auf. Während vorne
ein Hochdruckgebiet den Weg blockierte, kam von hinten eine Front mit
frischer Brise auf. „Das war reines Glück, sonst hätten wir mehr als 400
Seemeilen Rückstand niemals wettmachen können“, gab der Skipper unumwunden
zu.
Als dann auch noch auf der „Groupama“ im Bug-an-Bug-Rennen mit der „Puma“
bei ungemütlichen, aber nicht außergewöhnlichen äußeren Bedingungen der Mast
brach, waren nur noch zwei von sechs Booten im Rennen. „Das darf so nicht
sein und wird von uns genau analysiert werden“, erklärte der Chef des Volvo
Ocean Race, Knut Frostad, „so eine hohe Zahl an Ausfällen darf es künftig
nicht mehr geben.“ Ohne den Ergebnissen vorzugreifen, werde eine
Verschärfung der Bauformel erwogen, um die Volvo Ocean 70-Yachten für die
nächste Auflage der Weltregatta noch stabiler und sicherer zu machen. Eine
Entscheidung darüber soll noch während des laufenden Rennens fallen.
Bis zum 21. April haben die Mannschaften Zeit, sich von den jüngsten
Strapazen zu erholen. Dann startet das Hafenrennen in Itajaí und einen Tag
darauf am Sonntag (22. April) die sechste Etappe über den Äquator zurück auf
die Nordhalbkugel nach Miami in Florida. „Michi“ Müller flog bereits am
Ostersonnabend zurück in die Heimat, um dort seinen Osterurlaub zu
verbringen. „Von den vergangenen 50 Tagen waren wir 47 auf See. Das ist
nicht gerade ein ausgeglichenes Leben“, so der Kieler.
(Ende)
Andreas Kling
German Media Manager
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