ORC Weltmeisterschaft, Kiel 2014

1. bis 9. August 2014
www.orcworlds2014.com
Übersicht

09.08.2014
ORC-WM:
Italien feiert Doppel-Gold
Flensburger „Silva Neo“ holt Bronze

Aus Estland und zweimal aus Italien kommen die großen Gewinner bei der Weltmeisterschaft der ORC-Yachten vor Kiel. In der Gruppe C und B standen mit der „Low Noise“ (Duccio Colombi) aus Italien und der „Forte“ (Jaak Jögi) aus Estland zwei Sieger schon vor dem finalen WM-Tag fest. Beide Crews blieben daher zum Abschluss im Hafen, während es in der Klasse A zum dramatischen Showdown kam. Die norwegische „Santa“ von Claus Landmark, die fünf Tage lang das WM-Feld souverän angeführt hatte, ließ sich durch einen elften Platz im letzten Rennen noch den Titel von der „Enfant Terrible“ entreißen. Die Italiener um Alberto Rossi feierten nach famoser Aufholjagd damit wie die „Low Noise“ bereits den dritten ORC-WM-Titel. In der Klasse der großen Schiffe hielt die „Silva Neo“ von Skipper Dennis Gehrlein (Kiel) dem großen Druck stand und verteidigte Platz drei. Damit ist sie die einzige Medaillengewinnerin aus Deutschland.

Nach dem vorzeitigen Titelgewinn gab es für die Crew der „Forte“, einer X41, noch in der Nacht zum Sonnabend eine kleine Feierrunde mit etwas Bier und Wein. Nach der Ankunft an Land am Freitag war sich das Team indes des Triumphs noch nicht sicher. „Wir hatten eine Idee, dass es gereicht haben könnte. Aber erst als die Ergebnisse ausgehängt waren, haben wir es wirklich geglaubt“, sagte Skipper Jaak Jögi. Die Esten konnten sich dann eine längere Nacht leisten, denn zum Abschluss ging das Team nicht mehr an den Start. „Wir fanden es fair, uns nicht in den Kampf der anderen Mannschaften einzumischen“, sagte Jögi, der mit diesem Erfolg vor der WM nicht unbedingt gerechnet hatte: „Wir wussten nicht, was uns erwarten würde, auch wenn klar war, dass die X41 gut in das System passt. Bei einer guten Performance hatten wir eine Top-6-Platzierung erhofft.“ Die große Konstanz – bei lediglich einem Tagessieg punktete die „Forte“ mit ausschließlich Top-5-Ergebnissen – sei der Schlüssel gewesen, so Jögi: „Wir sind sehr konservativ gesegelt, haben Risiken vermieden. Mit einem guten Speed und guten Starts hat das schließlich zum Erfolg geführt.“ Obwohl die Crew das erste Mal mit dieser Yacht bei einer ORC-WM am Start war, kennt sie sich doch mit Plätzen auf dem Podium aus. 2010 gewann die Jögi-Crew bei der X-41-WM Bronze, und in der X-99-Klasse fuhr sie 2006 sogar zum WM-Titel. „Wir haben eine gute Konkurrenz in Estland, können intensiv trainieren, das hat uns voran gebracht.“ Für die EM im kommenden Jahr in der estländischen Heimat ist die „Forte“ nun klarer Favorit: „Das ist wohl so, obwohl wir über eine Teilnahme noch gar nicht entschieden haben“, sagte Jögi.

Hinter der „Forte“ sprang die niederländische „Checkmate“, eine Swan 45, noch auf Platz zwei. Die Crew von Peter de Ridder fuhr zum Abschluss einen dritten Rang ein und verwies die tschechische „Three Sisters“ (Milan Hajek) punktgleich auf Platz drei im Gesamt-Klassement. Die deutsche „Leu“, eine One Off mit Skipper Albert Schweizer (Bremen), drehte an den beiden Schlusstagen kräftig auf, kletterte durch zwei Tagessiege im Ranking noch weit nach oben, verpasste das Podium als Vierte aber knapp. Aus deutscher Sicht schafften die „Rockall IV“ (Corby 38) des Hamburger Christopher Opielok, die allerdings unter Hongkong-Flagge startet, als Sechste und die „Sporthotel“ (Dehler 38 C) von Karl Dehler (Greifswald) auf Rang zehn den Sprung in die Top-Ten.

Entspannt wie die Jögi-Crew erlebte auch die „Low Noise“-Mannschaft den WM-Abschluss von Land aus. „Wir haben unsere Taktik die Woche über beibehalten. Gute Starts fahren, um dann frei vom Feld die eigenen taktischen Entscheidungen treffen zu können“, erklärte Taktiker Lorenzo Bodini. „Die Mannschaft hat dafür gut gearbeitet und mich in die Lage versetzt, die Taktik zu bestimmen.“ Zudem liefen die Manöver durchweg rund, und das Boot, eine M37, hatte einen guten Speed. „Wir haben immer viel an dem Boot gearbeitet, und Designer Matteo Polli hat uns in der Entwicklung viel Unterstützung gegeben. Im kommenden Jahr werden wir nun mit einer 34-Fuß-Yacht an den Start gehen, die auch von Matteo gezeichnet wird.“ Die „Low Noise“ setzte damit ihre Erfolgsserie fort, gewann nach 2009 und 2011 ihr drittes globales Gold, zudem triumphierte sie in diesem Jahr bei der EM Anfang Juli vor Valencia. Hinter den Italienern sicherten sich die Crews von der „Team Pro4U“ von Patrik Forsgren und der „Vencom“ von Martin Nilsson (beide Schweden) die weiteren Plätze auf dem Siegerpodest. Deutsche Teams unter den Top-Ten waren die „Sportsfreund“ (Axel Seehafer, Hamburg) auf Rang sieben, die „Solconia“ (Max Gurgel, Hamburg) als Neunte und die „Cala Ventinove“ (Uwe Wenzel, Bremen) auf Rang zehn.

Das sportliche Highlight des Abschlusstages war hingegen der Kampf um Gold auf der Bahn A. Die „Enfant Terrible“ zeigte nach einem unglücklichen Start in die WM ab der vierten Wettfahrt eine überragende Performance und fuhr nur noch Rennsiege und und einen zweiten Platz ein. Der Sieg am Abschlusstag war der wertvollste. Denn durch den zweiten Patzer in Folge der „Santa“, eine Landmark 43, schoss der TP52-Renner noch zum Gold vorbei. Es war die vierte WM-Medaille in Folge für das Team von Alberto Rossi nach Gold in 2011, Gold in 2012 und der Bronze-Medaille im vergangenen Jahr. „Wir wussten vom ersten Tag an, dass wir gewinnen können. Aber in den ersten Rennen hatten wir Pech mit dem Wind, obwohl wir teilweise sehr gut lagen. Die leichten Winde waren für Kiel sicherlich sehr ungewöhnlich, und wir hatten gehofft, dass das Revier sein wahres Gesicht zeigen würde“, sagte Rossi. Als sich die Windbedingungen stabilisierten und zum Abschluss sogar noch mal Starkwind-Qualitäten gefordert waren, fühlte sich die Rossi-Crew rundum wohl und jagte noch zum Triple-Titel: „Ein großartiges Erlebnis, denn erstmals ist meine Frau zu einer Regatta angereist. Dieser Titel ist für sie“, sagte Rossi.

Jubelnd lief auch die „Silva Neo“ in den Hafen ein. Bis auf ein misslungenes Langstrecken-Rennen am zweiten Tag hatte die Crew von Dennis Gehrlein eine konstant gute Serie hingelegt und verteidigte zum Abschluss sehr überlegt den dritten Platz. „Diese Bronzemedaille ist noch wertiger als unser EM-Titel von 2011. Das Feld war größer und die Klasse der Teams höher. Wir wissen, gegen was für Segler wir hier gesegelt sind. Da waren Top-Profis am Start“, sagte der Skipper und zollte seiner Crew großen Respekt: „So kurz, wie wir das Boot erst haben, ist das eine Klasse-Leistung. Ein wenig haben wir mit einer Top-3-Platzierung geliebäugelt, aber wir wussten, dass es schwer werden würde. Im letzten Rennen sind wir sehr ergebnisorientiert gesegelt, haben nichts mehr riskiert, als wir wussten, dass wir gut im Feld liegen.“

Erst zu dieser Saison hat „Silva Neo“-Eigner Heinz Peter Schmidt (Flensburg) den Schritt auf die rasante GP42 gewagt und feierte nun mit dem Team mit einem ersten Steg-Bier die Bronzemedaille: „Bei der ORC-EM in Sandhamn im vergangenen Jahr kam die Idee zu einem Boot der neuen Generation. Das Team ist viel glücklicher mit diesem Boot, und das ORC hat einen guten Job gemacht, so viele verschiedene Boote in eine Formel zu bringen. Es waren wirklich enge Rennen.“ Die „Immac One4All“, eine JV49 mit Skipper Kai Mares (Kiel), und die Kieler „Desna“ (Knierim 49) von Sven Wackerhagen rundeten auf den Plätzen sechs und sieben das gute deutsche Abschneiden in der Klasse der großen Schiffe ab. Die Crew von Kai Mares durfte zudem den Titel in der Amateur-Wertung (Corinthian-Trophy) feiern.

Über eine tolle WM freuten sich auch die Organisatoren. „Nach einer langen Vorbereitung, die mit der ersten Idee vor drei Jahren begonnen hat, war das eine perfekte Umsetzung, an der 120 Mitarbeiter und Helfer beteiligt waren“, blickte Thore Hansen, Geschäftsführer des Vermarkters POS, auf die Woche zurück. „Die Wettfahrtleitungen von Stefan Kunstmann, Eckart Reinke und Fabian Bach sind ohnehin unumstritten, aber auch alle anderen haben Bärenkräfte entwickelt. Eckhard von der Mosel hat mit seinen Kontakten in die Niederlande, das Baltikum und Skandinavien und seiner persönlichen Ansprache früh für Kiel geworben, die WM und schließlich das Rekordfeld von 151 Yachten in drei Gruppen hierher geholt.“

Ab Januar entwickelte sich eine Eigendynamik bei den Meldungen, die selbst die Organisatoren überraschte. Trotz der Mammut-Aufgabe lief die WM zur vollen Zufriedenheit von Hansen: „Wir haben tolle Unterstützer und die Zusammenarbeit mit der Sporthafen GmbH klappte sehr gut. In anderen Häfen wäre so ein Feld kaum zu handhaben gewesen. Wir hätten sogar 180 Teilnehmer managen können.“ So gelang es, eine WM von Seglern für Segler auf die Beine zu stellen und Bilder von glücklichen Athleten bei perfektem Sonnenschein zu liefern, auch wenn der Wind bisweilen etwas Sorge bereitete: „Aber den Wind kann man eben nicht beeinflussen. Insgesamt war das eine perfekte Werbung für den Kieler Yacht-Club, die Stadt und das Land. Wir sind medial auf allen Kanälen sehr gut wahrgenommen worden, viele Besucher sind vor Ort hängen geblieben und haben das Flair genossen. Das hat absolut Lust gemacht, solch ein Event in der Zukunft wieder nach Kiel zu holen“, resümierte Hansen.

Die gemeinsame Euphorie von Seglern, Ehrenamtlern und hauptamtlichen Organisatoren brach sich dann am Abend bei der festlichen Preisverleihung Bahn. Mit langanhaltenden Ovationen im Stehen dankten die Segler in dem prallgefüllten Festzelt den Helfern und Organisatoren, um dann die Sieger und Medaillengewinner ihrer Weltmeisterschaft zu feiern. Die Athleten auf dem Podium genossen sichtlich den donnernden Applaus ihrer Sportkollegen, und die Sieger schmetterten voller Inbrunst ihre Nationalhymnen, zeigten damit, wie wertvoll ihnen die Trophäen und diese Weltmeisterschaft sind.

Ergebnisse, Bilder und Meldungen zur ORC-Weltmeisterschaft unter www.orcworlds.com
Die Sieger aller Gruppen der ORC Weltmeisterschaften 2014 feierten ihren Erfolg, von links: die Crews der "Enfant Terrible", der "Low Noise" und der "Forte".
Foto: www.segel-bilder.de
Sieger der Gruppe A: Mit einem imponierenden Siegeslauf schnappte sich die "Enfant Terrible" noch den WM-Titel. Foto: segel-bilder.de

Bronze-Jubel an Bord der "Silva Neo". Direkt nach dem Zieldurchgang feierte die Crew ihren dritten Platz in der Gruppe A. Foto segel-bilder.de

Eine Rekord-WM verlangt auch ein rekordverdächtiges Aufgebot an Helfern: Insgesamt 120 Ehrenamtler sorgten hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf und wurden dafür von den Seglern gefeiert. Foto: segel-bilder.de
Martin Sobiella -


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