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Middle Sea Race 2014
VALLETTA, MALTA - October 18 - 25, 2014
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October 25, 2014
AUSSERGEWÖHNLICHE BEDINGUNGEN, AUSSERGEWÖHNLICHES ABENTEUER
Das 35. Rolex Middle Sea Race war eins für die Geschichtsbücher. Nicht nur wegen des internationalen Felds, das im dritten Jahr in Folge eine neue Rekordteilnehmerzahl an den Start brachte, sondern vor allem auch wegen der enormen Bandbreite an Segelbedingungen, denen die Teams ausgesetzt wurden. Von keinem Wind bis zu viel; vom Ententeich bis zu aufgewühlter See; vom Treiben im Kreis bis zum Höllenritt: der mystische 606-Seemeilen-Kurs bot alles. Die verdienten Sieger mussten die Elemente und die Gegner erobern. Außergewöhnliche Herausforderungen bringen die Besten mit ihrem außergewöhnlichen Charakter hervor. Ein Schritt voraus waren Lee Satariano und die Crew der maltesischen J/122 Artie, Gewinner des Rolex Middle Sea Race 2014.
122 Yachten aus 24 Nationen mit Bootslängen zwischen 9,5 und 30,5 Metern versammelten sich zum Start des Rolex Middle Sea Race 2014. 23 mehr als beim bestehenden Rekord aus dem Vorjahr. „Ein größeres Feld und mehr unterschiedliche Nationalitäten sind eine Genugtuung, denn das bedeutet, dass die Popularität des Rennens sich nicht nur an der steigenden Teilnehmerzahl festmachen lässt, sondern sich an der weiter verbreiteten Herkunft“, erklärte Godwin Zammit, Kommodore des Regattaorganisators Royal Malta Yacht Club.
Das Rolex Middle Sea Race wurde 1968 zum ersten Mal gesegelt, und Rolex ist seit 2002 Titelsponsor. Am Sonnabend, dem 18. Oktober, markierten die Kanonen von Vallettas Saluting Battery oberhalb des Grand Harbour unter klarem Himmel bei leichter, südlicher Brise vor einer stattlichen Zuschauerschar den Start der Ausgabe 2014.
Jede Menge Ecken
Das 606-Seemeilen-Rennen ist ein Rundkurs gegen den Uhrzeigersinn um Sizilien herum mit Start und Ziel in Malta. Nach dem Start segelt das Feld nach Norden durch die Straße von Messina bevor sie Stromboli, die Äolischen und Ägadischen Inseln genau wie Pantelleria und Lampedusa an backbord lässt und am Ende durch den Comino-Kanal zurück zur Ziellinie im Marsamxett-Hafen kommt.
Laut Francesco de Angelis, Taktiker der Titelverteidigerin B2 aus Italien: „Die Schwierigkeit dieses Rennens ist, dass du niemals vorher weiß, wie sich der Wind entwickeln wird. Es ist ein langes Rennen mit vielen Ecken, und die Szenerie ändert sich ständig. Du kennst zwar den Wind, mit dem du starten wirst, aber du weißt nie, was du unterwegs bekommst. Das ist niemals einfach.“
Für Tom Addis, den Navigator des 100-Fuß-Maxi Esimit Europa 2: „Das Besondere an diesem Kurs ist, dass er alle Windeinfallswinkel bietet. Es gibt immer irgendetwas Extremes – es ist niemals ein einfaches Rennen bei 10 bis 15 Knoten Wind!“ Addis war beim Rolex Sydney Hobart 2009 mit demselben Boot Erster im Ziel, als es noch Neville Crichtons Alfa Romeo war: „Außer der sehr ähnlichen Gesamtlänge und dass sie beide von Rolex gesponsert werden, haben diese beiden Rennen wenig Gemeinsamkeiten.“ Es sollte schnell klar werden, dass das Mittelmeer sich entschieden hatte, Argumente für die Meinung von Addis zu liefern.
In Zeitlupe
Der leichte Wind am Start kam aus südlicher Richtung. Die erste Nacht auf See sah das Feld in Schwierigkeiten, überhaupt Boden in Richtung der Straße von Messina gutzumachen. Konzentration, aufmerksames Trimmen, die richtige Segelwahl, präzises Steuern und unnötige Bewegungen minimieren – das waren die Schlüssel, um das Maximale aus den Bedingungen herauszuholen.
Unheilvolle Straße
24 Stunden nach dem Start hatte nur der Spitzenreiter die Meerenge passiert. Die von Jochen Schümann aus Penzberg in Bayern geskipperte Topfavoritin auf den Sieg nach gesegelter Zeit, die Esimit Europa 2, legte am ersten kompletten Regattatag gerade mal 215 Seemeilen zurück. Gegen Mittag war sie zehn Seemeilen von Stromboli entfernt und lief nicht mal sechs Knoten Bootsspeed. Die Rán, die Shockwave und die B2, die nächsten Yachten auf dem Kurs rund 30 Seemeilen zurück, kreuzten immer noch in der Straße.
„Die erste Nacht dieses Rennens war eine sehr trickreiche und taktische Angelegenheit“, erklärte Ian Moore, der Navigator auf der italienischen Cookson 50 Mascalzone Latino, eine der schnelleren Teilnehmerinnen. „Du hältst schnurstracks auf die Ecke von Sizilien zu, aber sobald du da bist, fängst du an zu überlegen, wie laufe ich in die Straße ein?“ Vincenzo Onoratos Boot sollte das fünfte werden, das die Tyrrhenische See erreichte.
Schwindende Hoffnung
Weitere 24 Stunden später und die Esimit Europa 2 hatte immer noch mehr als die Hälfte der Strecke vor sich. Das Gros des Felds trieb 100 Seemeilen zurück vor sich hin. Die zweite Nacht bot den Crews eine weitere Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu schärfen, mit schwachem oder gar keinem Wind umzugehen. Als mehr Yachten Stromboli umrundeten, änderten einige auf der Suche nach Wind den Kurs nach Norden. Nur die Tatsache blieb, dass sich alle kaum bewegten. Die Hoffnung der Esimit Europa 2, den Streckenrekord von 47 Stunden, 55 Minuten und drei Sekunden (gesetzt vom US-Maxi Rambler in 2007) zu unterbieten, zerstob in der stillen Hitze.
Skandinavischer Jäger
Der vierte Tag begann mit guten Nachrichten für Niklas Zennströms Rán, als der schwedische 72-Fuß-Mini-Maxi nach einer produktiven dritten Nacht auf See vorläufig die Gesamtführung übernommen hatte. Beim Runden von Favignana war die Rán der Strategie der Esimit Europa 2 gefolgt und hatte sich dicht an der westsizilianischen Küste entlang gehangelt. Als die Esimit beim Ansteuern von Pantelleria erneut zum Stillstand gebracht wurde, reduzierte die Rán den Rückstand auf gerade einmal noch fünf Seemeilen. Später am Morgen vergrößerte sich die Distanz allerdings wieder, nachdem die Führenden letztlich wieder eine zweistellige Bootsgeschwindigkeit segelten. In der Zwischenzeit arbeitete das Hauptfeld immer noch daran, Palermo an der Nordküste Siziliens zu passieren.
Vier ins Rekordbuch
Die Esimit Europa 2 nutzte die zunehmende Brise, um ihren Favoritenstatus, als Erste im Ziel zu sein, zu festigen, was ihr letztlich Dienstagnacht um 22:47,05 Uhr in Maltas Marsamxett Harbour gelang. Der slowenische Maxi absolvierte den Kurs in drei Tagen, zehn Stunden, 42 Minuten und fünf Sekunden. Nach 2010, 2011 und 2012 zum vierten Mal schnellstes Boot zu sein, bedeutete einen neuen Rekord für das Rolex Middle Sea Race: etwas Genugtuung dafür, den Streckenrekord verfehlt zu haben.
Drei Stunden später kam Niklas Zennströms Rán in Malta an. „Alles, was du tun kannst, ist zu versuchen, deine Klasse zu gewinnen, und zu hoffen, dass das Wetter dich bevorteilt“, kommentierte der schwedische Eigner und Skipper. „Wie immer hat das Team Rán das Boot auf sehr hohen Niveau vorbereitet und gesegelt, so dass wir mit unserer Leistung zufrieden sein können.“
Wendepunkt
Nach drei ruhigen Nächten gab es gegen Ende des vierten Tags einen dramatischen Wechsel der Wetterbedingungen. Der Wind nahm stetig aus Nordwesten zu. In Sturmstärke überzog er den Regattakurs, und das Gesicht des Rennens änderte sich genau zu dem Zeitpunkt, als das Hauptfeld den westlichsten Punkt des Kurses bei Favignana erreichte.
Die Crew der GYR Scarlet Oyster berichtete von 48 Knoten Wind kurz bevor sie mit einem Ruderbruch aufgeben musste. Die deutsche Mannschaft des 48-Füßers Sjambok erlebte eine massive Bö von 60 Knoten. Die ebenfalls deutsche Grey Goose schickte einen Fotobeweis von den Instrumenten, die 50 Knoten anzeigten. Mit den Stunden nach Einbruch der Dunkelheit wurde es eine lange und schwierige Nacht.
Den Beleg für außerordentlich harte Bedingungen lieferten die Anzahl der Aufgaben – 71 – und die Liste von Schäden teils erst kurz vor dem Ziel, von denen das Feld berichtete. „Der Kielbolzen gab seinen Geist auf, als wir gerade den Comino-Kanal verließen“, meldete der portugiesische Skipper Diogo Caiolla vom Schweizer 42-Fuß-Prototyp Kuka-Light. Die französische Yacht Teasing Machine verlor ihren Mast 20 Seemeilen vor der Ziellinie.
Für die, die immer noch Regatta segelten, bot der zunehmende Wind auch Chancen. Die Bedingungen bevorteilten ein kleineres Schiff. Welches, würde von einer Kombination aus Seemannschaft, Taktik und Nervenstärke abhängen. Sebastien Ripard von der Artie offenbarte einen Einblick in das Dilemma: „Wir hatten Wind mit Böen von mehr als 40 Knoten und Zehn-Meter-Wellen. Der Spielplan war eine Mischung aus Gas zu geben, so hart wir können, aber gleichzeitig das Boot zu schützen. Also nahmen wir in den Hammerböen von mehr als 40 Knoten den Fuß vom Pedal und haben wieder Druck gemacht, sobald die Brise etwas nachließ.“
Als Crews die Ziellinie erreichten, bot ihr Gesichtsausdruck einen Mix aus Hochstimmung, Ermüdung, Genugtuung und über allem ein starkes Gefühl, etwas geschafft zu haben.
122 – eine Glückszahl
Lee Satarianos J/122 Artie überquerte die Ziellinie um viertel vor eins in der Nacht zu Donnerstag nach vier Tagen, 13 Stunden, 35 Minuten und fünf Sekunden in der Regatta. Der nächste Gegner in der Klasse sollte erst acht Stunden danach ins Ziel kommen, sowohl nach gesegelter als auch nach berechneter Zeit. Später am Morgen, als viele Yachten noch unterwegs waren, gab der Royal Malta Yacht Club das maltesische Team offiziell als nicht mehr einzuholenden Sieger bekannt.
Ein überwältigter Satariano kommentierte: „Ich kann es nicht glauben. Ein so prestigeträchtiges Rennen zu gewinnen, eines der hochkarätigsten in der Welt, und das als lokales Boot, ist eine großartige Errungenschaft.“ Hinter der Freude stand die Gewissheit, seine Sache sehr gut gemacht zu haben: „Auf dieses Rennen zurück zu blicken, bedeutet auch zu betonen, dass viel wichtiger als der Sieg diesmal war, überhaupt ins Ziel zu kommen. Es war ein sehr, sehr hartes Rennen.“ Dieses war nach dem Sieg in 2011 der zweite Titel für die Artie in drei Jahren und der siebte maltesische in der 35. Auflage. Passenderweise gewann im Rekordjahr mit 122 Teilnehmern ein Boot, das 12,2 Meter lang ist.
Die feierliche Siegerehrung am Sonnabend war eine große Sache. Denn es bot nicht nur die Gelegenheit, die Sieger zu preisen, als sie die Rolex Middle Sea Race Trophäe und die Rolex Armbanduhr für ihre riesigen Leistungen bekamen. Es war gleichzeitig der beste Zeitpunkt, um auf das Durchhaltevermögen und die Willenskraft aller hinzuweisen, die dabei waren, stark wie Herkules.
Die 36. Auflage des Rolex Middle Sea Race wird am 17. Oktober 2015 gestartet.
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