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Rolex Farr 40 World Championship
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26. Februar 2011
Rolex Farr 40 World Championship http://www.regattanews.com/event.asp?f=email&id=255
Sydney, Australia
KEINE KONFUSION, ES IST "TRANSFUSION"
Was für ein Tag, was für ein Finale der Rolex Farr 40-Weltmeisterschaft 2011. Die Hochspannung entlud sich am Sonnabend (26. Februar) um 16 Uhr in Sydney/Australien, als die italienische Yacht „Nerone“ die Ziellinie drei Boote hinter der einheimischen „Transfusion“ passierte. Dieser Abstand reichte Lokalmatador Guido Belgiorno-Nettis zur Revanche fürs Vorjahr, als er Massimo Mezzaroma und Antonio Sodo Migliori in letzter Minute unterlegen war. So gewann der überglückliche Australier seinen ersten WM-Titel. Die Lüneburger Wolfgang und Angela Schäfer belegten mit der „Struntje Light“ Rang neun.
Eine dreijährige Vorbereitung erfolgreich gekrönt: Für Belgiorno-Nettis wurde ein Traum wahr, „es war phantastisch, was für ein Kampf. Bis zum allerletzten Moment haben wir nie aufgegeben. Der Finaltag war ein guter Tag für uns. Wir hatten das Glück der Tüchtigen, denn wir haben hart gearbeitet und so gut wie alles richtig gemacht.“ Auf der Preisverteilung erhielt Belgiorno-Nettis für seine und die glänzende Leistung seiner Crew die Rolex Farr 40-Weltmeisterschaftstrophäe und ein Rolex Yacht-Master Chronometer.
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Fotos: Kurt Arrigo
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Auch die Schäfers haben ihr ausgegebenes WM-Ziel, mit einstelligem Platz in der oberen Tabellenhälfte zu landen, letztlich knapp erreicht. „Es wäre aber mehr drin gewesen, denn unsere Bootsgeschwindigkeit war sehr gut“, bilanzierte der Eigner und Steuermann die vier Tage von Sydney. Allein eine umstrittene Disqualifikation im ersten Rennen des zweiten Tages hat der „Struntje Light“ in der Endabrechnung mindestens den sechsten Platz gekostet, so eng liegen die Gegner direkt vor den einzigen deutschen Teilnehmern.
Die Bedingungen waren zum Abschluss der Rolex Farr 40-WM alles andere als einfach. Im ersten der beiden Tagesrennen wehte der leichte Nordostwind nur mit Stärke zwei bis drei, im zweiten mit bis zu vier Beaufort. Dabei kam es besonders auf die Taktik an und darauf, Ruhe zu bewahren. Mühsam erkämpfte Vorteile waren schwierig zu verteidigen; in beiden Wettfahrten gab es etliche Überholspuren. Die „Nerone“ gewann das erste Rennen mit der „Transfusion“ direkt im Kielwasser hinter ihr. Das ist aber nur die erste Hälfte der Geschichte.
Die zweite und entscheidende Wettfahrt gewann Jim Richardsons „Barking Mad“ (USA) ebenfalls mit der „Transfusion“ knapp dahinter. Die „Nerone“ wurde nur Sechste. Das reichte nicht zur Titelverteidigung, die „Transfusion“ war am Ende zwei Punkte besser. Ex-Weltmeister und Klassenpräsident Richardson kletterte durch die Leistung am Schluss noch aufs Podium vor Helmut und Evan Jahn mit der „Flash Gordon“ (ebenfalls USA) sowie Lisa und Martin Hill mit der „Estate Master“ (Australien).
Auf dem Kurs
Das neunte Rennen war ein echter Klassiker. Schon in der Vorstartphase wurden die Karten gemischt. Die „Nerone“ wählte als einziges Team eine Position am Startschiff, niemand anderes überhaupt schien auch dort loszuwollen. Beim Start war das Boot zwar nicht besonders schnell, aber die Crew sich der eigenen Taktik sicher, und Überzeugung gewinnt oft. Die „Transfusion“ lag irgendwo in der Mitte. An der Luvtonne schien das Spiel schon entschieden zu sein. Die Italiener rundeten die Marke als Erste mit einem deutlichen Vorsprung vor der „Flash Gordon“ des in Deutschland geborenen Stararchitekten Jahn.
Die „Transfusion“ dagegen war in der Mitte des Felds in Positionskämpfe verstrickt. Aber ihr Taktiker John Kostecki hat seine Olympiamedaille, den America’s Cup und das Volvo Ocean Race 2002 auf der deutschen Yacht „illbruck“ nicht per Zufall gewonnen. Taktisch gewieft und selbstbewusst gibt er ein Rennen nie vorzeitig verloren und ließ die Crew unerhört oft wenden.
Während die „Nerone“ ihre Führung verteidigte, halste die „Transfusion“ nach der Rundung der ersten Tonne sofort. Dadurch kletterte sie am Leetor schon auf den fünften Platz. Doch damit nicht genug. An der zweiten Luvtonne war sie schon Zweite. Kostecki & Co. kamen den Italienern zwar niemals so nahe, um deren Wettfahrtsieg noch zu gefährden, aber sie hielten die Spannung in der Gesamtwertung aufrecht. In früheren Rolex Farr 40-Weltmeistschaften war es oft „Nerones“ Taktiker Vasco Vascotto gewesen, der aus der Verfolgerrolle im letzten Moment zuschlug. Doch der US-Amerikaner zeigte dem Europäer, dass auch er Nerven wie Drahtseile hat und am Schluss noch hoch pokern kann.
Im zehnten und letzten Rennen trennten zwei Zähler die Hauptprotagonisten, mit Vorteil für Italien. Die drittplatzierte „Flash Gordon“ hatte 22 Punkte dahinter nicht einmal mehr eine theoretische Chance, in den Titelkampf einzugreifen. Jeder, der auf ein Matchrace, also einen Zweikampf der Gladiatoren gehofft hatte, wurde jedoch enttäuscht. Die „Transfusion“-Crew hatte schlicht und ergreifend ihr bestes Rennen zu segeln und zu hoffen, dass genau dies dem Gegner nicht gelingen werde. Sie brauchten für einen Gesamtsieg im Ziel zwei Boote zwischen sich und der „Nerone“.
Bereits am Start sah es gut für die Australier aus. Diesmal war die „Nerone“ in Abwinden gefangen. Segeln in Mitten des Felds schadet der Bootsgeschwindigkeit, weil dort nicht frei agiert werden kann. So war die „Transfusion“ an der ersten Tonne Zweite hinter der „Barking Mad“, Mezzaromas Mannschaft aber nur Achte. Würde die „Nerone“ ein ähnliches Comeback schaffen können wie im Rennen zuvor die „Transfusion“? Nicht auf der ersten Vorwindstrecke. Im Gegenteil. Die Italiener fielen noch weiter zurück und waren als Zwölfte in noch größerer Not.
Der Druck lastete auf den Titelverteidigern. Die „Transfusion“ hatte genug Distanz zwischen sich und den Verfolgern aufgebaut. Ihr blieb nur die Hoffnung, dass die anderen Teilnehmer genug Kampfgeist mitbrachten, um ihre Positionen gegen die Vorjahressieger zu behaupten. Dreien von ihnen gelang es.
Geschichtliches
Diese Rolex Farr 40-WM war ein Event von höchstem Kaliber. Einige der Topnamen im Segeln waren bei einigen der konkurrenzfähigsten Amateureignern an Bord, die ihre Boote selbst steuern müssen. Die Grenzen zwischen Profis und Amateuren zerflossen in punkto Einsatzwillen sowie segeltechnischen Fähig- und Fertigkeiten.
Mit Ihresgleichen wie James Spithill, John Kostecki, Adrian Stead, Grant Simmer, Tom Slingsby, Hamish Pepper, Tom King und Vasco Vascotto unter den Taktikern war es klar, dass es schnell und packend werden würde. Mit dem Titelverteidiger und zwei vormaligen Weltmeistern im Feld waren die Spekulationen über potentielle Gewinner breit gestreut. Die „Nerone“ kam als Favorit in Topform, nachdem sie im Dezember die Rolex Trophy gewonnen hatte und kurz vor der WM auch noch die Australische Meisterschaft. Aber Geschichte ist Geschichte, nur was bei der WM selbst passiert, zählt am Ende.
Die Australier hatten zuletzt bei den Rolex Farr 40-WM 2005 einen Heimsieg gefeiert. Würde das wieder gelingen? Es sah nach dem Auftakt ganz danach aus, als die „Estate Master“ und dann die „Transfusion“ im Zwischenklassement führten. Aber am dritten Tag zeigten die einzigen Italiener, dass sie nicht hergekommen waren, um unter ferner liefen zu landen, und übernahmen die WM-Führung.
Durch ständig wechselndes Glück und Unglück durfte jedermann bis zuletzt nur vermuten, wer am Ende den Bug vorne haben würde. Das Niveau im letzten Rennen ließ den Puls bei allen Zuschauern höher schlagen. Niemand von außen weiß, wie das an Bord der beiden führenden Yachten aussah.
Fünf verschiedene Boote haben während der Serie Tagessiege eingefahren. Überraschenderweise hat die „Nerone“ insgesamt fünf der zehn Wettfahrten gewonnen, während die „Transfusion“ nur einmal siegte. Aber bei den Rolex Farr 40-Weltmeisterschaften ging es schon immer um Konstanz und Schadensbegrenzung, da es kein Streichresultat gibt. Die „Transfusion“ war kein einziges Mal schlechter als Platz sieben, neunmal sogar unter den Top fünf. Die Italiener hatten einen Zehnten als schlechtesten Rang, aber noch drei andere Rennen nicht unter den Top fünf gelandet. Trotzdem war es von beiden Teams unter 20 Booten eine außergewöhnliche Leistung, im Durchschnitt besser als Platz vier gesegelt zu sein. Die „Barking Mad“ als Dritte war im Schnitt nur Sechster.
Randnotizen
Auf die Frage wie ihm die Aufholjagd im vorletzten Rennen gelungen sei, lachte Kostecki und meinte „wir sind einfach nur in die richtige Richtung gesegelt“, indem sie auf dem ersten Vorwindgang früh halsten. „Das war wirklich ein gutes Rennen für uns, von so weit hinten noch nach vorne zu kommen.“ Die Reaktion von Eigner Belgiorno-Nettis betonte die mentale Stärke: „Regattasegeln ist eine großartige Sache. Du kannst dir nie sicher sein, was passiert. Wir sind tief abgetaucht und haben weitergemacht.“
Von seinem Sieg war Belgiorno-Nettis verständlicherweise elektrisiert. „Es war ein Privileg, ein Teil diese Felds gewesen zu sein. Ich möchte den Organisatoren danken, der Farr 40-Vereinigung und allen Eignern, besonders aber der ‚Nerone‘, die ein außergewöhnlich guter Gegner waren und auch nach der Niederlage respektvoll.“
Der unterlegene Taktiker Vascotto erklärte einen Fehler vor dem Start des letzten Rennens: „Wir lagen dicht und dicht mit anderen an der Startlinie und dachten, wir hätten noch zehn Sekunden totzuschlagen. Plötzlich merkten wir, dass es nur noch fünf Sekunden waren, wodurch wir die Kontrolle über den Start verloren.“
Und weiter: „Dann war es mein Ziel, möglichst dicht bei der ‚Transfusion‘ zu bleiben. Zwischendurch waren wir nur anderthalb Bootslängen dahinter. Unglücklicherweise lagen an der Tonne in den ein oder zwei Bootslängen sieben oder acht Boote.“
Auch wenn er geschlagen ist, beweist Vascotto Humor. Seine Abschlussbemerkung sagt viel über den Sportsgeist aus, in dem die Rolex Farr 40-Weltmeisterschaft ausgetragen wird: „Sydney ist ein phantastischer Ort. Es war am vorletzten Tag phantastisch als wir noch führten. Und er ist immer noch phantastisch, nachdem wir Zweiter geworden sind.“
Abseits des Winds
Der nächste bedeutende Event auf dem Rolex Segelkalender ist die Premiere des Rolex Volcano Race, das am 24. Mai gestartet wird. Der Kurs des 400 Seemeilen langen Hochseerennens führt von Gaeta in Italien nach Süden rund um die Vulkaninsel Stromboli wieder nach Norden ins Ziel vor Capri. Die Regatta ist für alle Maxi-Klassen ausgeschrieben und wird von der internationalen Klassenvereinigung der Maxi-Yachten in Zusammenarbeit mit der Comitato Vela nel Golfo di Gaeta und dem Yacht Club Capri organisiert. Das Rennen ist ein Bestandteil der Rolex Capri Sailing Week.
Die nächste Rolex Farr 40-Weltmeisterschaft wird im Sommer 2012 in Chicago in den USA stattfinden.
ENDSTAND Rolex Farr 40-Weltmeisterschaft 2011
Platz. Bootsname, Eigner-Steuermann (Herkunft), R1-R2-R3-R4-R5-R6-R7-R8-R9-R10, Gesamtpunktzahl
1. Transfusion, Guido Belgiorno-Nettis (Australien), 4-4-2-1-7-4-4-5-2-2, 35 Punkte
2. Nerone , Antonio Sodo Migliori & Massimo Mezzaroma (Italien), 2-1-10-8-1-1-6-1-1-6, 37
3. Barking Mad, Jim Richardson (USA), 15-10-5-9-2-3-10-2-5-1, 62
4. Flash Gordon, Helmut & Evan Jahn (USA), 11-2-9-2-8-5-11-3-4-9, 64
5. Estate Master, Lisa & Martin Hill (Australien), 1-8-1-5-9-10-12-12-8-4, 70
6. Goombay Smash, William Douglass (USA), 9-6-17-10-11-16-1-63-3, 82
7. Kokomo, Lang Walker (Australien), 19-5-4-7-5-9-3-7-9-14, 82
8. Hooligan, Marcus Blackmore (Australien), 13-3-6-4-16-14-8-4-6-8, 82
9. Struntje Light, Wolfgang & Angela Schaefer (Lüneburg), 3-13-3-21-4-13-2-8-11-7, 85
10. Voodoo Chile, Andrew Hunn & Lloyd Clark (Australien), 5-9-8-15-3-2-15-16-12-5, 90
Die Rolex Farr 40-Weltmeisterschaft 2011 wurde vom Royal Sydney Yacht Squadron und der internationalen Farr 40-Klassenvereinigung organisiert.
Andreas Kling
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