Sail Together Verein in Dortmund macht sich stark für Inklusion auf dem Phoenix See
Die Mitglieder des Dortmunder Vereins „Sail Together“ machen sich stark für Inklusion. Beim gemeinsamen Segeln bringen sie Menschen mit und ohne Behinderung miteinander in Kontakt. www.sail-together.de
Dortmund. Der Wind pustet ganz ordentlich. „Zum Segeln sind die Bedingungen heute ideal“, sagt Dirk Loose beim Blick auf den Phoenixsee in Dortmund. Der 62-Jährige ist der Vorsitzende des Vereins „Sail Together“, und dessen Mitglieder haben sich einer Aufgabe verschrieben: Sie wollen Inklusion und Segelsport miteinander verbinden.
„Das Ziel unseres Vereins ist es, Begegnungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung zu fördern und den Spaß an der Teamarbeit erlebbar zu machen“, erklärt Loose. „Beim Segeln haben alle ein gemeinsames Ziel – dadurch tritt erfahrungsgemäß die Behinderung in den Hintergrund und Inklusion wird möglich.“
Der Vereinschef steht nun an Bord des Boots „A. Noah“ – eine rund sieben Meter lange Spezialanfertigung, Baujahr 2015. Am Heck gibt es eine mobile Rampe, über die Rollstuhlfahrer an Deck kommen. Und alles, was zum Segeln notwendig ist, ist so montiert, dass es auch in sitzender Position bequem erreichbar ist. „Der Segelbaum, zum Beispiel, ist so hoch angebracht, dass Rollifahrer darunter sitzen und steuern können“, erklärt Dirk Loose.
Mal sind die Bewohner von Behinderteneinrichtungen unterwegs mit dem „Sail Together“-Team, manchmal kommen Seniorengruppen mit ihren Rollatoren. Heute ist eine Gruppe Jugendlicher mit an Bord. Dirk Loose löst die Leinen, dabei animiert er seine Mit-Segler mit anzupacken. „Ich bin hier ja nicht der Busfahrer“, sagt er. „Jeder Handgriff, der nötig ist, kann auch von einem Rollifahrer ausgeführt werden.“
Dann sticht das Boot in See. Zunächst sorgt noch der 2,5-kW-Elektromotor für Antrieb, dann, als die Segel einmal gesetzt sind, schiebt der Wind die „A. Noah“ übers Wasser. „Der Phoenixsee ist zwar nur eine Pfütze“, scherzt Dirk Loose. „Aber wenn man einmal in Bewegung ist, ist es hier draußen einfach nur schön.“
Vom Steg aus verfolgt Jenny Tebbel, wie die Gruppe über den See kreuzt. Seit vier Jahren ist sie Mitglied bei „Sail Together“. „Mir gefällt es, dass der Verein nicht den Leistungsgedanken in den Vordergrund stellt – sondern die Gemeinschaft“, sagt die 32-Jährige. „Jeder kann mitmachen. Und immer wieder ist zu spüren, wie groß bei den Teilnehmern die Begeisterung darüber ist, dass sie sich hier ausprobieren dürfen.“
Der Verein „Sail Together“ hat aktuell rund 40 Mitglieder. Es gibt ihn seit dem Jahr 2001. Seine Wurzeln liegen in der Arbeit der Kontaktstelle Evangelische Jugend Dortmund-Mitte. Bereits Anfang der 1980er-Jahre wurden dort gemeinsame Ferienfreizeiten für Jugendliche mit und ohne Behinderung angeboten. Doch schon bei der Vorbereitung der ersten Freizeit stand das Organisations-Team vor einer Herausforderung: Sowohl die Teilnehmer mit Behinderung, als auch die ohne, traten der Idee zunächst zurückhaltend entgegen. Unsicherheitsgefühle, Ängste und Ablehnung prägten das Stimmungsbild auf beiden Seiten.
Der große Stimmungsumschwung kam dann aber bei den Freizeiten selbst: Schon beim Einsteigen in die Busse – für Rollstuhlfahrer eine Schwierigkeit – entwickelte sich ein großes Wir-Gefühl. Denn für die Jugendlichen war es nur gemeinsam möglich, diese Hürde zu meistern. „Die Freizeiten selbst waren immer ein großer Erfolg“, blickt Dirk Loose zurück, der seit dem Jahr 1991 bei der Evangelischen Kirche in Dortmund arbeitet. Inklusionsprojekte gehörten stets zu seinem Aufgabenfeld.
1996 brach die Ferienfreizeit-Gruppe dann auf zu neuen Ufern: Erstmals war das Ijsselmeer das Ziel einer Reise. In den Niederlanden stachen die Teilnehmer mit dem behindertengerechten Segelschiff „Lutgerdina“ in See. „Barrierefreie Boote gab es damals in Deutschland noch gar nicht“, sagt Dirk Loose. „Aber in der Folge reifte bei uns der Wunsch, auch in Deutschland ein solches Schiff zu entwickeln, zu bauen und zu betreiben.“
Ursprünglich verfolgte der Verein „Sail Together“ das Ziel, einen barrierefreien Hochsee-Katamaran zu bauen. Platz für 16 Personen sollte er haben, Rollstuhlfahrer sollten sich sowohl unter als auch an Deck uneingeschränkt bewegen können. Zusammen mit einem Bootsbauer und Experten der Hochschule für Schiffbau und Meerestechnik in Bremen haben die Vereinsmitglieder die Planungen vorangetrieben. „Letztlich ist das Vorhaben aber an der Finanzierung gescheitert“, sagt Dirk Loose. „Wir haben den Plan zwar nie aufgegeben, wir sind aber auch mit unseren kleineren Vereinsbooten hier auf dem Phoenixsee sehr zufrieden.“
Der zentral gelegene, im Jahr 2011 für die Öffentlichkeit freigegebene See mit seinem barrierefreien Bootssteg sei ideal für regelmäßige Ausfahrten. Immer wieder sei dabei zu beobachten, wie der Segelsport helfe, Menschen mit und ohne Behinderung miteinander in Kontakt zu bringen. Die gemeinsame Arbeit auf eingeschränktem Raum fördere die Kommunikation, die Toleranz und die Kooperation. Außerdem trage die Erfahrung auf dem Wasser dazu bei, das Selbstwertgefühl zu stärken. „Die Teilnahme an einem inklusiven Segeltörn bedarf oft einer Menge Mut. Die Teilnehmer müssen sich trauen, sich auf Neues, auf Ungewisses und Fremdes einzulassen“, sagt Dirk Loose. „Und nach einem Segeltörn hat jeder Einzelne durch seinen Mut erfahren, dass Aufeinanderzugehen etwas im Leben verändern kann. Diese Erkenntnisse werden mit nach Hause genommen, können Horizonte im alltäglichen Leben erweitern und an andere Menschen weitergegeben werden.“
Aus Spaß am Segeln
Wer einen Segelschein hat, und beim Verein „Sail Together“ mitmachen möchte, ist herzlich willkommen. Menschen, die Lust haben, die inklusiven Segelboot-Ausfahrten auf dem Phoenixsee als Skipper zu begleiten, werden dringend gesucht. „Die speziellen Anforderungen, die man beim Segeln mit Rollifahrern beachten sollte, bringen wir den Leuten dann schon bei“, sagt Vereinschef Dirk Loose.
www.sail-together.de
von Tobias Appelt







